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Ghetto Fighters' House

Montag, 26. März 2007

Ghetto Fighters' House

Zuerst einmal zu meinen Besuchen im Ghetto Fighters' House, weitere News gibt's spaeter.

Ich dachte ja eigentlich, dass meine Aufgabe da einfach sein wird, Gruppen durch das Museum zu fuehren und ihnen ein paar zusaetzliche Infos zu geben. Die Sache ist jedoch nicht ganz so einfach.

Das Ghetto Fighters' House hat sich zur Aufgabe gemacht, den Besucherinnen und Besuchern nicht einfach nur die historischen Fakten zum Thema Shoah, Ghettos und juedischen Widerstand zu vermitteln, sondern will, dass durch diese Informationen die Besucherinnen und Besucher auch etwas daraus lernen fuer das Leben heute. So setzt sich das Ghetto Fighters' House zum (zugegeben ziemlich hochgesetzten) Ziel, dass sie verhindern wollen, dass so etwas wie der Holocaust jemals wieder geschieht und dass die Leute fuer Rassismus und Antisemitismus sensibilisiert werden.

Das heisst nun also, dass den Besucherinnen und Besuchern nicht einfach nur die Ausstellung gezeigt wird, sondern dass die Angestellten mit ihnen Arbeiten. Es gibt Workshops und Seminare fuer alle moeglichen Gruppen. Um ein paar spezifische interessante Angebote zu nennen: Seminare fuer juedische Immigranten aus Russland, die in Russland sehr wenig ueber die Shoah gelernt haben. Ihnen werden die Grundlagen und die Bedeutung fuer die heutige israelische Gesellschaft vermittelt. Ein weiteres Projekt ist ein juedisch-arabisches Projekt. Israelisch-juedische und israelisch-arabische Studierende lernen zuerst ueber die Shoah, dann ueber die Geschichte der Araber in Israel seit 1948. So sollen sie mehr Verstaendnis bekommen fuer das Leben und Leiden der anderen.

Die Gruppen, die ich am letzten Donnerstag und gestern, Sonntag, begleitet haben, waren beide aus Deutschland. Die erste war eine Studiengruppe mit interessierten Erwachsenen (ihnen hat Tanja das Museum Yad LaYeled gezeigt, ein Museum ueber das Leben und Ueberleben der Kinder im Holocaust), die zweite Gruppe war ein Austauschprojekt zweier Waldorfschulen aus Deutschland und Israel. Die deutsche Klasse ist jetzt gerade in Israel und soll nun etwas lernen ueber den israelischen Umgang mit der Shoah und ueber die israelische Erinnerungskultur.

Ich persoenlich empfand es als sehr schwierig, mit diesen zwei Klassen umzugehen. Zuerst waren wir auch im Museum Yad LaYeled. Dieses Museum ist sehr dezent, vor allem an Kinder ab 11 gerichtet, und es soll sie nicht traumatisieren sondern sie direkt ansprechen und altersgemaess Geschichte vermitteln.

Dies war den Jugendlichen (sie waren wohl so um die 15, 16) zu wenig blutig, und sie wollten die Hauptausstellung sehen. (Schon die Aussage, dass sie gerne mehr Action haetten, fand ich sehr seltsam. Es geht ja schliesslich um Geschichte, nicht um Unterhaltung.) Tanja konnte es schlussendlich einrichten, dass wir mit den Gruppen in zwei Teile der Hauptausstellung gehen konnte; das Ghetto-Leben und der Widerstand.

Fuer mich war's das erste Mal, dass ich diese Ausstellung gesehen habe. Es ist vergleichbar mit dem National Holocaust Memorial Museum in Washington oder mit Yad Vashem, wenn auch nicht ganz so professionell aufgebaut. Nichtsdestotrotz fand ich es emotional aufwuehlend, auch wenn es natuerlich nicht das erste Mal war, dass ich diese oder aehnliche Bilder gesehen oder Geschichten gelesen bzw. gehoert habe.

Aber noch viel aufwuehlender fand ich die Reaktionen der Jugendlichen.

Die Frage, welche Gefuehle die Ausstellung bei ihnen ausloeste, beantwortete ein deutscher Jugendlicher mit: Keine Gefuehle, er empfinde nichts. Es wusste auch niemand etwas auf die Frage zu antworten, wie den die Shoah unser heutiges Leben beeinflusst, wo wir heute noch Auswirkungen sehen und was wir daraus lernen koennen.

Auf die Geschichte einer aelteren Israelin hin, die von der Flucht ihres Vaters aus Nazideutschland erzaehlte und beschrieb, wie er danach den Entschluss gefasst hatte, nie wieder ein Wort Deutsch zu redden, nie wieder ein deutsches Produkt zu kaufen, und dass auch sie mit dieser Haltung aufgewachsen sei wie viele andere Israelis auch, meinte einer der deutschen Jugendlichen, dass wenn es heute noch Israelis gaebe, die so denken, wuerden die ja den gleichen Fehler machen, die die Nazis damals.

Mit solchen Aussagen umzugehen, habe ich grosse Muehe. Auch wenn es wahrscheinlich nur so dahingesagt war, ist dahinter doch eine grosse Gedankenlosigkeit, die ich bedenklich finde. Die Nazis haben einen Fehler gemacht und das war's? Dieser Fehler wird jetzt von den Israelis wiederholt? Es ist auf der gleichen Ebene anzusiedeln, wenn die Nazis die Juden ausrotten wollen und wenn es heute noch Juden in Israel gibt, die aus diesem Grund Vorurteile gegenueber den Deutschen haben?

Ich bin selber keine Freundin von Vorurteilen, aber so eine pauschale Aburteilung macht mir Bauchschmerzen.

Nach der an den Besuch der Ausstellung anschliessenden Diskussionsrunde, fragte ich Tanja, wie sie mit solchen Aussagen umgeht. Ob sie diese kommentiere oder in Frage stelle. Sie meinte, dass es meist am einfachsten waere, diese Aussage als Frage ins Plenum zu geben. Also im Stil von: Stimmt ihr dieser Aussage zu? Daraus entstuenden ueblicherweise interessante Diskussionen, die solche Aussagen klar revidieren.

Auf jeden Fall bin ich ueberzeugt, dass diese Arbeit sehr spannend fuer mich sein wird, auch wenn ich manchmal bestimmt Muehe haben werde. Aber ich freue mich schon auf den naechsten Besuch im Ghetto Fighters' House; dies wird am Abend des Jom HaShoah (Holocausterinnerungstag, 16. April) der Fall sein, wenn im GFH eine spezielle Veranstaltung stattfindet. Am naechsten Tag ist wieder eine deutsche Gruppe zu Besuch, die ich begleiten werde.

Jetzt muss ich bald los, weitere News zu den Themen Fussball und schlimme Woerter, Reisen in Israel mit Armeetrainingsgelaenden und Westbank, Shahafs Grossvater und Dakotimot werden hoffentlich folgen.

Liebe Gruesse
Sabina

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