Antisemitismus

Mittwoch, 19. August 2009

Neue Ritualmordlegende

Eine der führenden schwedischen Tageszeitungen, Aftonbladet, hat diese Woche unter dem Titel „Sie plündern die Organe unserer Söhne“ Israel vorgeworfen, in grossem Stil Palästinenser zu entführen und ihre Organe zu stehlen.

In dem Artikel wurden Palästinenser zitiert, die sagen, dass junge Männer in der Westbank und in Gaza festgenommen worden seien und danach ihre Leichen ohne Organe an die Familien zurück kamen.

Das Konkurrenzblatt Sydsvenskan, eine andere schwedische Tageszeitung, reagierte mit harter Kritik auf den Artikel von Aftonbladet. In einem Kommentar unter dem Titel „Antisemitbladet“ schrieben sie: „Wir haben die Geschichte schon gehört, in der einen oder anderen Form. Sie folgt dem traditionellen Schema von Verschwörungstheorien: Eine grosse Zahl an losen Fäden, mit welchen die Leser eingewickelt werden sollen ohne auch nur einen Beweis zu bringen. Flüstern im Dunkeln. Anonyme Quellen. Gerüchte. Das ist alles, was es braucht. Schliesslich wissen wir, wie sie (die Juden) sind, nicht wahr? Unmenschlich, verhärtet. Ihnen ist alles zuzutrauen.“

Und es wird angefügt: Anti-Semitismus? Neinnein, nur Israel-Kritik.

Auch das israelische Aussenministerium reagierte wütend auf den Artikel. Der Sprecher nannte die Veröffentlichung der Geschichte eine Schande für die schwedische Presse: „In einem demokratischen Land sollte kein Platz sein für düstere Ritualmordbeschuldigungen dieser Art aus dem Mittelalter. Dieser Artikel beschämt die schwedische Demokratie und die ganze schwedische Presse.“

Was mich an dem Ganzen schockiert, ist nicht, dass die Vorwürfe geäussert werden (nein, wir haben schon oft solche Vorwürfe gehört von palästinensischer Seite, Brunnenvergiftungen, zionistische Ratten, Schweine und ähnliches, die nur arabisches Eigentum zerstören, luststeigernde Kaugummis, mit welchen die palästinensische Jugend verdorben werden soll), was mich schockiert, ist, dass diese Vorwürfe von einer westlichen Zeitung in einem Land wie Schweden geäussert werden. Ohne auch nur einen Beweis zu bringen.

Quellen: Artikel von Haaretz und Ynet (auf Englisch)

Updates: Der Autors des Artikels der Aftonbladet sagt, er sei kein Antisemit (natürlich!). (Quelle: Haaretz, englisch)

20min berichtet auch schon darüber.

Ausserdem wird ein israelischer Militärsprecher zitiert, der die Vorwürfe zurückweist und erklärt, bei von den Truppen getöteten Palästinensern werde routinemässig eine Autopsie durchgeführt.

Das war übrigens auch mein Gedanke, als ich das Bild in der Aftonbladet gesehen habe: Sieht aus, als ob da eine Autopsie durchgeführt worden wäre.

Montag, 11. Mai 2009

Der Papst in Israel

Nach einem Hinweis von vered:

Mit keinem Satz ist Benedikt XVI. auf die Tatsache eingegangen, dass er selbst Angehöriger jenes Volkes ist, das den Aufstieg Hitlers und damit den Holocaust ermöglichte. Kein Wort auch zu seiner persönlichen Vergangenheit als Hitlerjunge und Wehrmachtssoldat und zu der Verantwortung, die sich daraus gegenüber dem jüdischen Volk ergibt. Und das alles nach dem Skandal, den er mit der Wiederaufnahme des Holocaust-Leugners Williamson in die katholische Kirche Anfang des Jahres auslöste.

Quelle: SpiegelOnline.

Um meine im vorherigen Blogbeitrag gestellte Frage zu beantworten:

Ja, es ist verlogen.

Den verlinkten Artikel auf SpiegelOnline halte ich übrigens für durchaus lesenswert. Wer des Englischen mächtig ist, hier die Artikel von Haaretz und Ynet.

Ist es verlogen ...

... (oder heuchlerisch) wenn der Papst folgendes sagt ...

Gleich bei seiner Ankunft erinnerte er an die sechs Millionen Opfer des Holocaust und erteilte dem Antisemitismus eine Absage. Tragischerweise habe das jüdische Volk die entsetzlichen Folgen von Ideologien erlebt, die die elementare Würde jedes Menschen leugnen, sagte der Papst am Vormittag.

Der Papst beklagte, dass es in vielen Teilen der Welt weiter Antisemitismus gebe. "Traurigerweise erhebt der Antisemitismus in weiten Teilen der Welt weiterhin sein hässliches Haupt. Das ist absolut inakzeptabel", betonte Benedikt XVI. Es müsse jede Anstrengung unternommen werden, den Antisemitismus zu bekämpfen und den Respekt und die Achtung für die Angehörigen jedes Volkes und jeder Nation zu fördern.

... aber erst kürzlich einen Holocaustleugner wieder in die Kirche aufgenommen hat?

Quelle: SpiegelOnline.

Dienstag, 3. Februar 2009

Zunahme von Antisemitismus in Europa

Ein Artikel heute auf 20min online beschreibt, wie sich die jüdischen Gemeinden in den deutschsprachigen Teilen Europas Sorgen machen wegen des zunehmenden Antisemitismus hier.

Antisemitische Zuschriften, Schmierereien und Übergriffe hätten dramatisch zugenommen, schreibt der schweizerische israelitische Gemeindebund in einer Mitteilung vom Dienstag. Einseitige Verurteilungen Israels im Kampf gegen die Hamas, welche Israels Vernichtung und den Kampf gegen die Juden weltweit fordere, spielten den antisemitisch motivierten Kräften noch in die Hände.

Schon vor ein paar Tagen schrieb 20min darüber (der Artikel erschien sogar auf der Frontseite der Printausgabe), dass es in der Schweiz vermehrt Drohbriefe gegen Juden gibt. Teilweise steckt ein anonymer Verein mit dem grässlichen Namen "Schweiz ohne Juden" dahinter.

Ich habe mich letzte Woche mit einem der Security Guards der IGB (Israelitische Gemeinde Basel) darüber unterhalten, und er meinte, dass sie glücklicherweise in der Gemeinde noch keine ähnliche Vorfälle zu melden hatten. (Dies für den Zeitraum der Militäroperation, danach habe ich explizit gefragt. Das bedeutet nicht, dass es solche Vorfälle nicht gibt, ich habe ja mal auf diesem Blog darüber geschrieben.)

Nur ein paar ähnliche Vorkommnisse, über die 20min nach Beginn der Militäroperation Israels in Gaza berichtet hatte: Berliner Holocaust-Mahnmal mit Hakenkreuzen beschmiert, Molotow-Attacken auf Synagogen in Frankreich, wachsende Spannungen zwischen Juden und Muslimen ebenfalls in Frankreich.

(Wobei ich zumindest letztern Artikel für problematisch halten, impliziert er doch eine gegenseitige Abneigung, die sich von Muslimen gegenüber Juden genauso gewalttätig äussert wie umgekehrt. Das stimmt so einfach nicht. Im Gegensatz zu Synagogen, die nicht nur in der Schweiz nicht mehr ohne Sicherheitspersonal auskommen - in Deutschland werden sie polizeilich geschützt, da gab es auch schon Angriffe auf eben diese Polizeibeamten - wüsste ich nicht, dass Moscheen vor Angriffen gewalttätiger Juden geschützt werden müssten.)

Das alles wirkt sich dann auch aus auf die Presse, wie ein Kommentar der Hannover Zeitung zeigt, in welchem die Schuld am Antisemitsmus - wie könnte es anders sein - den Juden selbst zugewiesen wird. Interessant (oder eher erschreckend) sind übrigens auch die Reaktionen auf den Kommentar, im Sinne von "endlich getraut sich mal jemand, die Wahrheit zu schreiben". Der Artikel mit entsprechendem Kommentar ist auch auf WADIblog zu finden.

Plötzlich kriechen sie aus ihren Löchern, die Antisemiten.

Dienstag, 27. Januar 2009

Sprache

Kürzlich habe ich ja schon einen Blogeintrag geschrieben über Wörter, die vielleicht so nicht mehr verwendet werden sollten - ausser im entsprechenden Zusammenhang.

Auf 20min online steht nun heute ein Artikel, in welchem das gleiche Thema behandelt wird. Zu finden hier:

Indem sie mit dem Slogan «Jedem den Seinen» Werbung für Kaffee machten, sorgten die Einzelhandelskette Tchibo und der Mineralölkonzern Esso kürzlich für Empörung. Es gibt noch mehr scheinbar harmlose Wendungen aus dem Wörterbuch der Nazis.

Montag, 26. Januar 2009

Holocaust-Gedenktag

Zum morgigen Holocaust-Gedenktag hat mich Porto auf folgenden Artikel der Luzerner Zeitung, abrufbar auf Zisch unter diesem Link, aufmerksam gemacht:

Ein Ausschnitt:

A. L., Vizepräsident der Jungen SVP, kritisiert den Anlass an einem internen Mail an seinen Vorstand, wie die Gratiszeitung «.ch» meldet: «Statt die einzigartige Schweizer Geschichte zu lehren, wird den Schweizern eine Mitschuld am Holocaust untergejubelt. Pfui!» L. wolle dies nicht als Antisemitismus verstanden wissen, es müsse in der Schule jedoch zwingend darauf hingewiesen werden, dass die Schweiz gegen den Anschluss ans Nazideutschland heftigen Widerstand geleistet und viele Verfolgte aufgenommen habe, wie es weiter heisst.

Ach, wie heldenhaft war doch die Schweiz im Zweiten Weltkrieg. L. empfehle ich, sich mal die Ergebnisse der Bergier-Kommission anzutun. Mehr Infos gibt auch der Wiki-Artikel "Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg".

Pfui in der Tat. Aber nicht zum Holocaust-Gedenktag sondern zu solchen Aussagen wie die von L.

Das liebe ich sowieso so sehr an der Schweiz: Der Holocaust war ein rein deutsches Phänomen, das konnte auch nur in Deutschland damals passieren. Darum müssen wir auch überhaupt keine Lehren daraus ziehen, schliesslich haben wir rein gar nix damit zu tun.

Wie sagte es Alt-Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz mal so schön? Auschwitz liegt ja schliesslich nicht in der Schweiz. (Wohlgemerkt auch nicht in Deutschland, sagt das nun etwas aus? Heisst das etwa, die Polen tragen die alleinige Schuld am Holocaust?)

Mittwoch, 14. Januar 2009

Sage ich ja auch immer wieder:

"Jedem das Seine" habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen. Das Wort "Selektion" verwende ich ausschliesslich in einem entsprechenden Zusammenhang, also wenn es darum geht, dass Naziärzte in Konzentrationslagern die ankommenden Häftlinge danach getrennt haben, ob sie noch als "Arbeitsmaterial" dienen können oder direkt vergast werden. An Universitäten oder Schulen betreibt man meines Erachtes jedoch keine Selektion. Vielleicht wird eine Auswahl getroffen. Oder ausgesiebt. Aber nicht selektiert.

20min hat darüber geschrieben, weil eine schlaue Kaffeefirma (Tschibo zusammen mit Esso wohl) in Deutschland eine abgewandelte Version des Spruches "Jedem das Seine" für seine Kaffeewerbung verwendet hat.

In der Schweiz herrscht dafür, so zeigen es auf jeden Fall meine Erfahrungen, erstaunlich wenig Sensibilität. Ich kann selber nicht genau erklären, warum das so ist.

Einer meiner Dozenten hat da mal was dazu erzählt: Ausgerechnet bei der öffentlichen Präsentation eines Glossars über politisch korrekten Umgang mit Sprache (da wurden Wörter wie "Jude", "Neger", was auch immer diskutiert), sagte ein am Projekt beteiligter Journalist im Rahmen eines Podiumsgesprächs, dass das Projektteam aus ökonomischen Gründen eine Selektion der Begriffe, die schlussendlich aufgenommen wurden, habe vornehmen müssen.

Als mein Dozent ihn vorsichtig darauf hinweisen wollte, dass das Wort "Selektion" gerade in diesem Zusammenhang ein bisschen unpassend sein könnte, zeigte sich dieser uneinsichtig und warf meinem Dozenten Überempfindlichkeit vor. Bis dann aber jemand im Publikum aufstand und sagte: "Wenn Sie 'Selektion' sagen, verstehe ich als Jude 'Auschwitz'!"

Ich hatte darüber viele Diskussionen mit Leuten, mit Mitstudierenden. Ich will niemandem verbieten, solche Wörter oder Ausdrücke trotzdem zu verwenden. Was ich möchte, ist darauf aufmerksam zu machen, dass manche Menschen damit etwas verbinden könnten, was evtl. nicht in der ursprünglichen Absicht liegt. Wenn ich einen Fachvortrag an der Uni habe, in dem es um die Lautbildung der Deutschen Sprache (oder was auch immer) geht, will ich doch nicht, dass einige meiner Zuhörenden wegen meiner Wortwahl plötzlich dasitzen, das Gesicht verziehen und an den Holocaust denken.

Wahrscheinlich durch eine gewisse Sensibilisierung durch mein Studium kann ich das Wort "Selektion" auch nicht mehr hören, ohne es eben entsprechend zu konnotieren. Ich verziehe das Gesicht, wenn jemand "Jedem das Seine" sagt. Ich unterstelle niemandem, der diese Wörter trotzdem verwendet, böse Absicht, wie gesagt, in der Schweiz (wahrscheinlich nicht nur in der Schweiz) besteht diese Sensibilität teilweise einfach nicht.

Wie sonst könnte man sonst die Kantonspolizei KaPo nennen? Kapos gab es in Konzentrationslagern, es waren Funktionshäftlinge, die andere Häftlinge beaufsichtigten. Nachzulesen bei Wikipedia. Die Stadtpolizei wird "Stapo " genannt, was für Deutsche wahrscheinlich stark an "Gestapo" erinnert, die Geheime Staatspolizei, wieder Wiki dazu.

Ein bisschen überrascht war ich auch, als mir mal eine Freundin (die nun wirklich nicht dumm oder unreflektiert ist) mir erzählt hat, sie hätte bis zur Vergasung Kekse gebacken. (Ich hab dann mal nachgeschaut, woher der Ausdruck 'bis zur Vergasung' kommt, es gab ihn wohl schon vor dem zweiten Weltkrieg und kommt aus dem technischen Bereich, trotzdem kann ich nicht nachvollziehen, wie man das heute, nach dem Holocaust noch sagen kann.)

Noch schlimmer soll's ja in der Schweizer Armee sein, dort heisst ein Krankenzimmer auch mal KZ, es gibt eine Dosenmahlzeit mit dem Namen "gestampfter Jude". (Es gibt aber wohl offizielle Anstrengungen, diese Begriffe aus dem Sprachgebrauch der Rekruten/Soldaten zu verbannen.)

Es gäbe noch viele Beispiele anzufügen. Zum Beispiel die Firma Puma, die mal eins ihrer T-Shirts SS-T genannt hat. Puma ist zufällig der offizielle Ausrüster der israelischen Fussballnationalmannschaft (auch so schön in der Schweiz, dass dies mit Nati abgekürzt wird). (Denen habe ich ne Mail geschrieben, und sie haben das tatsächlich geändert. Deswegen wurde ich sogar in einem Buch verewigt.)

Oder die Firma für Gartenbedarf in Österreich, die ein Gartenhäuschen nach einem Konzentrationslager benannt hat.

Oder der Begriff Holocaust, der für alles mögliche verwendet wird, zum Beispiel für Tierhaltung oder nicht zuletzt für das, was gerade in Gaza abläuft.

Das alles löst so ein kurzer 20min-Artikel bei mir aus ...

Donnerstag, 13. November 2008

"Kauft nicht bei Juden"

Gestern schon hab ich inoffiziell davon erfahren, heute ist es auch bis zu den Medien durchgedrungen:

An der Tür des Koscherladens in Basel (der sich direkt neben unserem Institut befindet) wurde ausgerechnet in der Nacht vom 9. auf den 10. November (70 Jahre "Reichskristallnacht") ein Plakat angebracht mit der Aufschrift:

"Schweizer wehrt euch - Kauft nicht bei Juden"

20min berichtet davon.

Und hier hat 20min für einmal meine volle Zustimmung:

Vielerorts wurde konstatiert, dass die Welt ihre Lektion aus den damaligen Greueln nichts gelernt hat, was nicht zuletzt der Basler Vorfall beweist.

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