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Mittwoch, 14. Januar 2009

Sage ich ja auch immer wieder:

"Jedem das Seine" habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen. Das Wort "Selektion" verwende ich ausschliesslich in einem entsprechenden Zusammenhang, also wenn es darum geht, dass Naziärzte in Konzentrationslagern die ankommenden Häftlinge danach getrennt haben, ob sie noch als "Arbeitsmaterial" dienen können oder direkt vergast werden. An Universitäten oder Schulen betreibt man meines Erachtes jedoch keine Selektion. Vielleicht wird eine Auswahl getroffen. Oder ausgesiebt. Aber nicht selektiert.

20min hat darüber geschrieben, weil eine schlaue Kaffeefirma (Tschibo zusammen mit Esso wohl) in Deutschland eine abgewandelte Version des Spruches "Jedem das Seine" für seine Kaffeewerbung verwendet hat.

In der Schweiz herrscht dafür, so zeigen es auf jeden Fall meine Erfahrungen, erstaunlich wenig Sensibilität. Ich kann selber nicht genau erklären, warum das so ist.

Einer meiner Dozenten hat da mal was dazu erzählt: Ausgerechnet bei der öffentlichen Präsentation eines Glossars über politisch korrekten Umgang mit Sprache (da wurden Wörter wie "Jude", "Neger", was auch immer diskutiert), sagte ein am Projekt beteiligter Journalist im Rahmen eines Podiumsgesprächs, dass das Projektteam aus ökonomischen Gründen eine Selektion der Begriffe, die schlussendlich aufgenommen wurden, habe vornehmen müssen.

Als mein Dozent ihn vorsichtig darauf hinweisen wollte, dass das Wort "Selektion" gerade in diesem Zusammenhang ein bisschen unpassend sein könnte, zeigte sich dieser uneinsichtig und warf meinem Dozenten Überempfindlichkeit vor. Bis dann aber jemand im Publikum aufstand und sagte: "Wenn Sie 'Selektion' sagen, verstehe ich als Jude 'Auschwitz'!"

Ich hatte darüber viele Diskussionen mit Leuten, mit Mitstudierenden. Ich will niemandem verbieten, solche Wörter oder Ausdrücke trotzdem zu verwenden. Was ich möchte, ist darauf aufmerksam zu machen, dass manche Menschen damit etwas verbinden könnten, was evtl. nicht in der ursprünglichen Absicht liegt. Wenn ich einen Fachvortrag an der Uni habe, in dem es um die Lautbildung der Deutschen Sprache (oder was auch immer) geht, will ich doch nicht, dass einige meiner Zuhörenden wegen meiner Wortwahl plötzlich dasitzen, das Gesicht verziehen und an den Holocaust denken.

Wahrscheinlich durch eine gewisse Sensibilisierung durch mein Studium kann ich das Wort "Selektion" auch nicht mehr hören, ohne es eben entsprechend zu konnotieren. Ich verziehe das Gesicht, wenn jemand "Jedem das Seine" sagt. Ich unterstelle niemandem, der diese Wörter trotzdem verwendet, böse Absicht, wie gesagt, in der Schweiz (wahrscheinlich nicht nur in der Schweiz) besteht diese Sensibilität teilweise einfach nicht.

Wie sonst könnte man sonst die Kantonspolizei KaPo nennen? Kapos gab es in Konzentrationslagern, es waren Funktionshäftlinge, die andere Häftlinge beaufsichtigten. Nachzulesen bei Wikipedia. Die Stadtpolizei wird "Stapo " genannt, was für Deutsche wahrscheinlich stark an "Gestapo" erinnert, die Geheime Staatspolizei, wieder Wiki dazu.

Ein bisschen überrascht war ich auch, als mir mal eine Freundin (die nun wirklich nicht dumm oder unreflektiert ist) mir erzählt hat, sie hätte bis zur Vergasung Kekse gebacken. (Ich hab dann mal nachgeschaut, woher der Ausdruck 'bis zur Vergasung' kommt, es gab ihn wohl schon vor dem zweiten Weltkrieg und kommt aus dem technischen Bereich, trotzdem kann ich nicht nachvollziehen, wie man das heute, nach dem Holocaust noch sagen kann.)

Noch schlimmer soll's ja in der Schweizer Armee sein, dort heisst ein Krankenzimmer auch mal KZ, es gibt eine Dosenmahlzeit mit dem Namen "gestampfter Jude". (Es gibt aber wohl offizielle Anstrengungen, diese Begriffe aus dem Sprachgebrauch der Rekruten/Soldaten zu verbannen.)

Es gäbe noch viele Beispiele anzufügen. Zum Beispiel die Firma Puma, die mal eins ihrer T-Shirts SS-T genannt hat. Puma ist zufällig der offizielle Ausrüster der israelischen Fussballnationalmannschaft (auch so schön in der Schweiz, dass dies mit Nati abgekürzt wird). (Denen habe ich ne Mail geschrieben, und sie haben das tatsächlich geändert. Deswegen wurde ich sogar in einem Buch verewigt.)

Oder die Firma für Gartenbedarf in Österreich, die ein Gartenhäuschen nach einem Konzentrationslager benannt hat.

Oder der Begriff Holocaust, der für alles mögliche verwendet wird, zum Beispiel für Tierhaltung oder nicht zuletzt für das, was gerade in Gaza abläuft.

Das alles löst so ein kurzer 20min-Artikel bei mir aus ...
Porto - 14. Jan, 21:51

ich oute mich...

... "Jedem das Seine" hab ich auch nicht gewusst, bis du mich darauf aufmerksam gemacht hast. Seitdem hab ich's aus meinem Wortschatz gestrichen...

La_Mia - 14. Jan, 23:32

Ich hab's auch lange nicht gewusst. Und das Wort "Selektion" hab ich eine zeitlang auch verwendet.

Ich sag ja, dass in der Schweiz diesbezüglich ein anderes Sprachverständnis herrscht als tw in Deutschland. Darum schreib ich ja darüber, um vielleicht ein bisschen was zu erreichen. ;-)
Porto - 27. Jan, 12:52

hast du gesehen, www.20min.ch hat heute einen Artikel über "solche" Wörter online.

Grüessli
Porto

La_Mia - 27. Jan, 13:51

Haha

Ich hab den Artikel gerade unabhängig von Deinem Hinweis gelesen und einen Blogeintrag dazu verfasst. ;-)

Danke trotzdem.
Hoffende - 3. Feb, 15:34

Vielleicht sollte man manche Sachen auch mal irgendwann verdauen.
Selbstzensur und Sprachtabus fördern sicherlich nicht die Vergangenheitsbewältigung.
Ob selbstauferlegte oder Fremdverbote haben noch nie dazu geführt, dass eine Situation sich normalisiert.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ein normaler Umgang mit der Nazi-Vergangenheit überhaupt nicht erwünscht ist.

ABER: Ich habe sie nicht erlebt, meine Eltern haben sie nicht erlebt. Wir sind jetzt, heute in einer völlig anderen Situation und leben in der HEUTIGEN Zeit! Es sollte jedem klar sein, was damals passiert ist. Jeder sollte seinen Teil dafür tun, dass derartiges nicht mehr passiert. Bestimmte Wörter nicht mehr zu verwenden, verhindert dergleichen aber mit Sicherheit nicht!

Aktive Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist die einzige Lösung. Das lernt man schon bei jedem Psychotherapeuten. Verarbeitung der Vergangenheit durch Konfrontation mit dem Thema, nicht durch Verdrängung!

La_Mia - 3. Feb, 16:29

Liebe Hoffende

Ich stimme Dir insofern zu, als dass ich auch in dem Dilemma bin, einerseits eine Normalisierung der Sprache zu wünschen, andrerseits eben nicht Leute mit dem Verwenden von Naziideologie vor den Kopf stossen zu wollen.

Ich habe mich auch schon gefragt, ob man der ganzen Ideologie nicht zuviel Raum einräumt - heute noch! - indem man Wörter tabuisiert und nicht mehr oder nur noch in einem bestimmten Zusammenhang verwendet.

Auf der anderen Seite gibt es eben diese Geschichte, die ich erwähnt habe, als jemand sagte: "Sie sagen Selektion - ich verstehe Auschwitz." Ich will nicht, dass Leute, wenn sie mich über was auch immer reden hören, solche Konnotationen haben, ich will nicht solche üblen Erinnerungen hervorrufen. Und ich selber - wohl aufgrund meines Studiums und meiner vermehrten Beschäftigung mit dem Thema - habe diese Konnotationen auch, es verursacht mit ein gewisses Unwohlsein, wenn jemand von "Jedem das Seine" spricht, eben wegen der historischen Bedeutung.

Deshalb: Ich will niemandem vorschreiben, welche Begriffe er wie verwendet oder generell die Verwendung von Wörtern oder Sprichwörtern verbieten. Aber ich will darauf aufmerksam machen, wie eben andere diese Begriffe verstehen könnten und plädiere halt für eine gewisse Sensibilität.

Ob ein "normaler Umgang" mit dem Thema Nationalsozialismus oder Holocaust überhaupt wünschenswert bzw. etwas Positives ist, lasse ich mal dahingestellt.

Ich bin die Letzte, die irgendjemandem, der heute lebt, Verantwortung für die Nazizeit zuschieben würde. Gerade nicht den Deutschen, weil mich nervt, dass ausserhalb Deutschlands (heisst: in der Schweiz, aber auch in Österreich) der Holocaust als rein deutsches Phänomen gesehen wird. Verantwortung im Sinne von Schuld: Nein. Verantwortung im Sinne von: Dafür Sorge tragen, dass es nicht wieder geschieht, auch im Sinne von Erinnerung: Ja. Aber das betrifft uns alle.

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