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Dienstag, 24. März 2009

Exkursion

Am Sonntag war ich mit einer kleinen Gruppe Studierender des Instituts für Jüdische Studien sowie weiteren Studierenden, die entfernt was mit unserem Institut zu tun haben und zwei Begleitpersonen, auf Exkursion.

Die Exkursion hat uns ins Elsass geführt, wo wir zuerst einen alten jüdischen Friedhof anschauen gegangen sind. Der "Israelitische Friedhof zu Rosenwiller" ist der grösste Friedhof im Elsass, Juden aus der ganzen Region haben dort ihre Verstorbenen beerdigt. Infos und Bilder gibt's unter diesem Link.

Der Friedhof ist historisch äusserst spannend. Er besteht schon seit dem 14. Jahrhundert, auch wenn keine Grabsteine aus dieser Zeit mehr zu finden sind. An den anderen Grabsteinen lässt sich die jüdische Geschichte überraschend genau ablesen: Die ältesten Grabsteine sind ausschliesslich auf Hebräisch gehalten. Mit der Zeit der Judenempanzipation in Frankreich änderte sich dies jedoch, immer mehr Grabsteine haben französische Inschriften. Auch die Zeit, als das Elsass von Deutschland besetzt war, zeigt sich an den Grabsteinen - es sind da nämlich auch Grabsteine mit deutscher Inschrift zu finden.

Ich hatte irgendwann genug gesehen auf dem Friedhof (wir hatten viel Zeit zur Verfügung, um anzuschauen, was wir anschauen wollten) und hab mich nach einer Weile auf eine Bank im Wald vor dem Friedhofseingang gesetzt und habe einfach die Stille genossen. Ein wenig später kam mein Dozent und setzte sich zu mir. Ich muss wohl - ungewollt - ein bisschen einsam oder verzweifelt ausgesehen haben, denn er sagte zu mir: "Gell, Sabina, du musst dir wirklich keine Gedanken machen wegen deiner Lizanmeldung und allem, das wird schon!" (Ich bin momentan tatsächlich sehr gestresst wegen meiner Lizanmeldung, ich habe mich diese Woche bereits mit zwei Professoren getroffen deswegen, und ich sollte, bevor ich nach Israel fliege, noch zu drei weiteren in die Sprechstunde gehen - aber ich habe da auf der Bank sitzend wirklich nicht an irgendwelche Probleme gedacht, auch wenn mich das natürlich beschäftigt. Äusserst nett und aufmerksam find ich die Bemerkung meines Dozenten trotzdem.)

Danach ging unsere Exkursion weiter ins benachbarte Rosheim. Dort besichtigten wir die Peter- und Paulskirche. Diese Kirche ist sehr schön (auf dem Wikipedia-Link gibt's ein Bild davon), aber auch ein bisschen problematisch. Auf dem Dach der Kirche, an prominenter Stelle, sitzt nämlich eine Statue eines jüdischen Wucherers. Solche antisemitischen Statuen in oder an Kirchen waren früher beliebt. Im Basler Münster beispielsweise befand sich die so genannte Judensau, die aber unerklärlicherweise seit Jahren restauriert wird. In Strasbourg steht die Statue der Synagoga, eine Frau mit verbundenen Augen als Zeichen der Blindheit des Judentums. Und eben, in Rosheim der jüdische Wucherer.

Ebenfalls in Rosheim sind wir die Synagoge besichtigen gegangen, die heute jedoch nicht mehr in Gebrauch ist, weil es in Rosheim keine funktionierende jüdische Gemeinde mehr gibt.

Von Rosheim führte unser Weg in die Vogesen, zum ehemaligen Konzentrationslager Natzweiler-Struthof. Ich war vor drei oder vier Jahren schon einmal mit einem Seminar dort, in der Zwischenzeit hat sich einiges verändert.

Was mich wirklich wirklich ge- und verstört hat, ist, dass das ehemalige Hotel Struthof wieder in Betrieb ist. Dazu ein paar Informationen:

In dem KZ gab es eine Gaskammer. Es war zwar kein Vernichtungslager im eigentlichen Sinn (wie beispielsweise Auschwitz), sondern ein Arbeitslager, wobei aber klar war, dass die Arbeit ebenfalls eine Art der Vernichtung ist. Vernichtung durch Arbeit, nennt mein Dozent dies. In Natzweiler-Struthof wurden medizinische Experimente durchgeführt, deswegen die Gaskammer. Dort wurden pseudowissenschaftliche Tests gemacht, u.a. mit Kampfgasen.

Die Gaskammer diente aber noch einem anderen Zweck. "Wissenschaftler" der Reichsuniversität Strassburg beantragten 150 gut erhaltene Körper von Juden, die sie für "anatomische Studien" benötigten. 86 Juden wurden deswegen von Auschwitz nach Natzweiler-Struthof gebracht und dort vergast. (Kürzlich wurden ein Buch zu dem Thema geschrieben, weil die Namen dieser bisher namenlosen Opfer durch lange Recherche bekannt wurden: Die Namen der Nummern - Wie es gelang, die 86 Opfer eines NS-Verbrechens zu identifizieren.

Diese Gaskammer wurde in der Küche des ehemaligen Hotels Struthof angelegt (das Hotel war damals schon nicht mehr in Betrieb), welche sich auf der anderen Strassenseite gegenüber des Hotels befand. Vor vier Jahren, als ich zuletzt da war, war dieses Hotel nicht in Betrieb. Heute ist dort wieder ein Restaurant.

Ich bin also aus der Gebäude mit der Gaskammer rausgekommen und sah vor mir ein Restaurant mit übergrosser Bierwerbung.

Ich habe mich zweierlei gefragt:

Wer geht in ein Restaurant, welches sich an einem so belasteten und belastenden Ort befindet?

Wer kommt auf die Idee, an einem solchen Ort ein Restaurant zu eröffnen?

Es ist unmöglich, dass man dorthin kommt und nicht weiss, wo man sich befindet, in der Nähe des KZ stehen Schilder an der Strasse, die um Ruhe bitten und auf die Bedeutung des Orts hinweisen.

Ich fand das sehr seltsam, wir haben das auch ausführlich innerhalb der Gruppe diskutiert.

Mal schauen, ob ich später noch Zeit finde, mehr dazu zu schreiben, z.B. zur Erinnerungskultur der Franzosen.

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